31.08.2022 - SMM NLB 1. Runde Mendrisio 1 - Tribschen 1 l 20

Gleich in der 1. Runde stand das Auswärtsspiel gegen den Favoriten Mendrisio auf dem Programm. Obwohl wir top motiviert waren, war doch die Hoffnung, dass von ihren 2 GMs und 6 IMs nicht alle spielen würden.
Alle fuhren mit dem Zug und so war noch reichlich Zeit für Geschichten und Diskussionen und zur Vorbereitung für denjenigen, der unter der Woche keine Zeit hatte. In Chiasso hatten die Hungrigen dann auch noch Zeit für eine Portion Pasta.
Um 12:25 Uhr wurde die Aufstellungen ausgetauscht und tatsächlich waren „nur“ 1 GM und 3 IMs anwesend. Allerdings hatten wie üblich auch die anderen 4 Spieler zwischen 2150 und 2315 Elo aufzuweisen. Ein kleines Wunder musste also doch noch her mit im Schnitt 85 Elo weniger pro Brett.
Am 1. Brett hatte es Kevin mit dem GM Brunello zu tun (und sich gar nicht auf 1.d4 vorbereitet). Er stand dann nach der Eröffnung auch defensiv und in Zeitnot, aber noch recht solide.
Am 2. Brett hatte Davide mit weiss den IM Aranovitch als Gegner. Aus der Eröffnung ist er mit 1 Stunde Vorsprung und minimalem bis leichtem Stellungsvorteil gekommen. Die Zeit kann aber im Schach durchaus von Vorteil sein.
Am 3. Brett spielte Jürgen mit schwarz gegen FM Patuzzo. Hier ging leider bereits in der Eröffnung der d5 Bauer verloren und die Aussichten waren daher nicht rosig. Jürgen wechselte aber direkt in den Verteidigungsmodus und versuchte es, dem Gegner so schwer wie möglich zu machen. Es wurden einige Figuren in der Folge getauscht und weiss verblieb mit Turm, Läufer und 6 Bauern gegen Turm, Springer und 5 Bauern.
Am 4. Brett spielte Lukas mit weiss gegen den IM Mantovani. Es ging plötzlich sehr scharf zu und trotz seiner Beteuerung auf der Hinfahrt, dass er eigentlich nie in Zeitnot gerät, indem er einfach schneller spielt als sein Gegner, waren plötzlich mehr Varianten zu rechnen als die Zeit zuliess. Gerade als die Stellung gewonnen aussah, waren leider nur noch 15-20 Minuten auf seiner Uhr übrig.
Am 5. Brett war Lubo mit schwarz gegen IM Vezzosi an der Reihe. Die Eröffnung erschien mir in Ordnung zu sein und die Stellung war unklar.
Am 6. Brett versuchte Dani schnell Remis zu machen, da er für den Abend noch ein Ticket für das Eishockey-Finale EVZ-ZSC hatte. Nachdem ein frühes Remisangebot noch abgelehnt wurde, endete die Partie nach etwa 25 Zügen und 3 Stunden mit Dauerschach.
Am 7. Brett wählte Toni einen etwas defensiven,  aber sehr soliden Aufbau. Gerade als die Läufer getauscht waren und die schwarze Stellung keine Schwächen zeigte, liess Toni eine Springergabel mit Damengewinn zu.
Am 8. Brett erreichte Nicolas mit weiss die aktivste und beste Stellung von uns allen. Der Gegner tauschte aus Angst vor einem Königsangriff die Damen, allerdings hatte weiss nach wie vor mehr Raum und die schwarzen Leichtfiguren, insbesondere die beiden Läufer, standen im Mittelspiel/ Endspiel doch sehr passiv.
Soweit die Zusammenfassung nach 3 Stunden.
Ich hatte da leider nur noch etwa 5 Minuten auf der Uhr und konnte das weitere Geschehen nicht mehr mitverfolgen. Nachdem GM Brunello alle Figuren optimiert hatte, war es plötzlich gar nicht so einfach weiterzukommen. Der Damenflügel und das Zentrum waren versperrt und mit dem König auf g1 sah mein Gegner vom Bauernsturm am Königsflügel ab. Im 26. Zug unterlief meinem Gegner die erste Ungenauigkeit, als er versuchte, mit taktischen Mitteln ein Paar Türme zu tauschen, um auf der halboffenen d-Linie weiterzukommen. Ich sah den besten Zug und konnte erstmals ausgleichen und sogar die Initiative ergreifen. Im 31. Zug mit 2 Minuten auf der Uhr spielte ich leider die falsche Zugreihenfolge, sonst wäre ich plötzlich noch deutlich besser gestanden. Es entstand ein taktisches Geplänkel, in dem ich fälschlicherweise zwischendurch glaubte, besser zu stehen. Nachdem der GM alle guten Züge gespielt hatte, rettete ich mich mit einem Schach über die Zeitnot und musste plötzlich feststellen, dass ich ja schon wieder schlechter stand.
In der Zwischenzeit hatte Davide auf Brett 2 mit Druck und Zeitvorteil einen Sieg einfahren können. Jürgen hatte auf Brett 3 tatsächlich ein gut zu verteidigendes Endspiel mit Springer gegen Läufer auf dem Brett. Lukas hatte auf Brett 4 leider in Zeitnot den nicht trivialen Gewinn nicht gefunden und nur Remis gespielt. Bei Lubo auf Brett 5 war ein ungleichfarbiges Läuferendspiel mit jeweils 2 Türmen und einem Mehrbauern für weiss entstanden. Der schwarze König stand zwar etwas abseits, aber das schien in Ordnung zu sein. Nicolas auf Brett 8 hatte in ein ungleichfarbiges Läuferendspiel mit je 1 Turm und 4 Bauern abgewickelt. Schwarz hatte einen vom König geblockten Freibauer auf h4 und weiss konnte einen gedeckten Freibauern auf d5 bekommen, sah davon aber zunächst ab.
Es stand also 2:2 und alle schienen ihre Partien Remis zu spielen/ halten (selbst Jürgen hatte es wohl irgendwie geschafft, Hut ab), ausser mir. Insbesondere da ich immer noch glaubte, vorher besser gestanden zu sein, hat mich das dann schon sehr genervt. Ich suchte 10 Minuten, 15 Minuten, 20 Minuten und dann plötzlich sah ich einen hervorragenden Trick - der leider nicht ganz forciert war. Ich sah auch nach 35 Minuten noch nichts besseres und spielte meinen Zug und griff seinen Turm an. Mein Gegner überlegte ca. 15-20 Minuten. Das dürfte Rekord für diese Partie gewesen sein (wie ich später gesehen habe, hat er ein Rapid-Rating von über 2700, daher scheint er eine sehr schnelle Auffassungsgabe zu haben). Er spielte den bei weitem natürlichsten Turmzug, an dem ich auch am längsten rumgedoktert hatte. Ich war mir aber sehr sicher, dass jetzt mein Trick plötzlich in greifbare Nähe gerückt war. Mit meinem nächsten Zug „opferte“ ich meinen Springer und griff seinen Mehrbauern an. Nach weiteren 10-15 Minuten des Überlegens nahm er meinen Springer (allerdings war hier in der Tat bereits guter Rat teuer, um die Partie am Laufen zu halten). Ich denke, er hatte allerdings „nur“ gesehen, dass mir sowohl die Damenschachs ausgehen würden als auch, dass das Damenendspiel, wenn ich seinen Springer mit Schach zurückgewinnen würde, verloren für mich war. Allerdings existierte noch ein unscheinbarer Zug, um das unmöglich erscheinende Dauerschach zu geben. Er bekam bei dem Zug grosse Augen, schluckte schwer und die Partie endete Remis.
Kurz darauf endete auch Jürgens Partie mit Remis und auch Lubomirs Gegner stimmte dem Remis zu, als seine 2 gegen 1 Situation am Damenflügel keinerlei Fortschritte machte.
3,5:3,5
Es blieb nur noch Nicolas‘ Partie, in der ich, gerade als ich fertig war, dachte, dass höchstens Weiss noch am Drücken ist. Nachdem allerdings der weisse Turm am Verteidigen blieb, versuchte plötzlich der Nachziehende mit seinem Turm dank Bauernopfers ins gegnerische Lager einzudringen. Das passierte auch, allerdings schien das auf den ersten Blick für weiss nach dem thematischen Durchbruch c5 dxc5 d6 gewonnen zu sein (der Computer fand allerdings noch eine Verteidigung mit Ausgleich). Leider war Nicolas immer noch im Verteidigungsmodus und diese gute Möglichkeit blieb ungenutzt. Kurz darauf wurde plötzlich nach ein paar Ungenauigkeiten von weiss der schwarze h-Bauer und der Angriff auf den weissen König sehr unangenehm und war dann tatsächlich nur noch mit Turmverlust aufzuhalten. 4,5:3,5 für Mendrisio.
Schade, aber ich fand es trotzdem eine hervorragende Teamleistung und einen sehr schönen Ausflug mit der Mannschaft: nicht nur, weil mir ein studienartiges Dauerschach gelang, auch weil nahezu alle Partien sehr spannend (und umkämpft) waren und wir einen fast perfekten Start in die Saison gehabt hätten.